IPO-Markt 2004: Vorsichtiger Neustart

Das Jahr 2004 war für Deutschland kein großes Börsenjahr und musste Optimisten, die mit 20 oder mehr Neuemissionen gerechnet hatten, enttäuschen, so Dirk Franke, Abteilungsdirektor im Bundesverband deutscher Banken (BdB). Doch mit immerhin fünf Neulingen auf dem Kurszettel könne sich das abgelaufene Börsenjahr bei realistischer Betrachtung durchaus sehen lassen. Es bleibe allerdings eine Bilanz, die beim Blick nach vorn auf das laufende Jahr nur bedingt Zuversicht auslöse, so Franke.

11.02.2005, 13:57 Uhr
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Fünf Neuemissionen hat es im vergangenen Jahr in Deutschland gegeben - das sind immerhin fünf mehr als im Jahr 2003, als kein einziges Unternehmen in Deutschland den Sprung auf das Parkett gewagt hatte. Geradezu unwirklich im Vergleich dazu muten heute die Zahlen der IPOs an, die in den Jahren des Börsenbooms zwischen 1997 und 2001 erreicht wurden, so Franke.

Im Mai 2004 waren die Mitteldeutschen Fahrradwerke aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt und die Wincor Nixdorf AG aus Paderborn an die Börse gegangen. Wincor Nixdorf ist internationaler Anbieter von Hard- und Software-Lösungen für Banken und Handelsunternehmen und in 90 Ländern präsent. Das westfälische Unternehmen, nach eigenen Angaben die Nummer zwei der Geldautomatenhersteller in Europa, beschäftigt weltweit fast 5.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Umsatz von 1,4 Mrd. Euro.

Mit einem Emissionsvolumen von mehr als 1,5 Mrd. Euro sorgte die Postbank im Juni für den größten und spektakulärsten Börsengang des Jahres. Gemessen an der Kundenzahl ist das 1990 gegründete Geldinstitut mit rund 11,5 Mill. Kunden und rund 4,5 Mill. Girokontoverbindungen die größte Privatkundenbank in Deutschland. Ihre Kundeneinlagen beliefen sich per Ende 2003 auf 73,9 Mrd. Euro, das Gesamtvolumen der ausgereichten Kundenkredite auf 43,3 Mrd. Euro. Allen eindrucksvollen Daten zum Trotz hat das Börsendebüt der Postbank nicht den erhofften Durchbruch am IPO-Markt 2004 gebracht. Dabei spielte auch eine Rolle, dass sich der Weg des Geldinstituts an die Börse als lang und - vor allem nach der Verschiebung des endgültigen Termins für das Going Public - auch recht holprig erwies, führt Franke aus.

So folgten nach der Postbank nur noch zwei Neuemissonen: im Juli das Going Public der Epigenomics AG, eines auf die gentechnologische Forschung spezialisierten Herstellers von Pharma- und Diagnosetechnik aus Berlin; und im November schließlich das IPO der Inticom Systems AG, eines Produzenten analoger Schaltungstechnik mit Sitz in Passau. Die Performance der fünf Debütanten des Jahres 2004 könne sich insgesamt sehen lassen, urteilt Franke.

Für viel Aufregung sorgten jedoch einige geplante, dann aber doch geplatzte Börsendebüts: So wollte der Touristikkonzern TUI seine Schifffahrtstochter Hapag-Lloyd an die Börse bringen, zog dann aber zurück - ebenso wurde nichts aus den Börsenplänen der beiden Halbleiterhersteller X-Fab und Siltronic sowie der Autowerkstatt-Kette ATU. Zuletzt gaben die Eigentümer von Tank & Rast ihre Börsenpläne auf und verkauften die Gesellschaft zum Betrieb von Autobahnraststätten an die Beteiligungsgesellschaft Terra Firma, zählt Franke auf.

Auch Delisting war im abgelaufenen Jahr wieder ein Thema: 40 Unternehmen zogen sich von der Börse zurück, 2003 waren es noch 62 gewesen. Zum Delisting kommt es, weil ausländische Unternehmen eine Börsennotierung in Deutschland für überflüssig halten, weil alte oder neue Eigentümer einer Firma Minderheitsaktionäre ausschließen wollen oder weil das Unternehmen in den Konkurs geht. Beflügelt wird der Trend zum Börsenrückzug durch die seit 2002 bestehende "Squeeze-Out-Regelung": Hält ein Großaktionär mehr als 95% der Aktien, dann darf er die restlichen Kleinaktionäre gegen eine Barabfindung aus dem Unternehmen drängen. Ihren Abschied vom Parkett nahmen 2004 auch traditionsreiche Gesellschaften, so etwa der Heizungsbauer Buderus oder der Schuhhersteller Salamander, resümiert Franke.

Wie präsentiert sich der europäische Markt für IPOs? Der IPO Watch Europe von PricewaterhouseCoopers für das dritte Quartal 2004 zeigt insgesamt ein positives Bild: Von Juli bis September hat es an den europäischen Börsen 118 Erstnotierungen mit einem Volumen von 4,66 Mill. Euro gegeben - im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es nur 34 IPOs im Umfang von 2,69 Mill. Euro gewesen. Noch dynamischer als im dritten Quartal war es jedoch im zweiten Quartal 2004 zugegangen, als 95 Firmen mit einem Emissionsvolumen von 8,7 Mrd. Euro am Börsenparkett debütiert hatten - darunter nicht nur die Postbank an der Deutschen Börse, sondern auch der italienische Stromkonzern Terna an der Borsa Italiana mit einem Emissionsvolumen von rund 1,3 Mrd. Euro und das französische Luftfahrtunternehmen Snecma an der Euronext mit neuen Aktien im Wert von etwa 1,2 Mrd. Euro.

Der führende europäische Handelsplatz im dritten Quartal war wieder London mit 88 Börsengängen, die 75% des gesamten europäischen IPO-Volumens ausmachten. Das durchschnittliche Emissionsvolumen pro IPO belief sich dabei auf 22 Mio. Euro. Mit 84 Einführungen stellte der Alternative Investment Market (AIM) - das Marktsegment für kleine und wachstumsstarke Firmen an der Londoner Börse - im dritten Quartal 2004 erneut den Löwenanteil. Zweiterfolgreichster Handelsplatz war die Euronext, auf die zwölf Neuemissionen mit einem Volumen von 1,69 Mrd. Euro entfielen - ein Durchschnittswert pro IPO von 141 Mill. Euro. An dritter Stelle rangiert die Borsa Italiana mit drei Ersteinführungen im Gesamtwert von 753 Mill. Euro, und auf Platz vier kommt die Warschauer Börse mit elf IPOs und einem Gesamtemissionswert von 128 Mill. Euro.

In Deutschland war der Börsengang der Epigenomics der einzige im dritten Quartal. Das größte europäische IPO in diesem Zeitraum war das des französischen Branchenverzeichnisses Pages Jaunes (1,25 Mrd. Euro an der Euronext). Die meisten Börseneinführungen in Europa fanden im dritten Quartal 2004 in der Finanzdienstleistungsbranche statt. Der Blick auf die ersten drei Quartale zeigt, dass Deutschland im IPO-Geschehen weit hinter Großbritannien, Frankreich, Belgien und Italien zurückbleibt, so Franke.

Nicht schlecht - aber auch nicht wirklich gut: So lasse sich die Bilanz des IPO-Jahres 2004 zusammenfassen, bilanziert Franke. Daraus folge an Einschätzungen für das laufende Jahr zunächst einmal Realismus: Die meisten Experten orientieren ihre Prognose am abgelaufenen Jahr: Man werde auch in diesem Jahr Börsengänge sehen, allerdings "im einstelligen Bereich". Neuemissionen in der Größenordnung der Postbank sind jedenfalls für 2005 bislang nicht in Sicht. Das Interesse der Kleinanleger könnte dadurch geweckt werden, dass das Pay-TV-Unternehmen Premiere einen Gang an den Kapitalmarkt in Aussicht gestellt hat. Als weitere Kandidaten werden das Chemieunternehmen Cognis, der Sensorhersteller Sick und der Solaranlagenbauer Conergy genannt. Doch selbst optimistische Experten rechnen für das laufende Jahr mit nicht mehr als 10 bis 15 Neuemissionen in Deutschland, so Franke abschließend. - cs

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