Archiv-News 21.02.2001
Gedanken zu Systracom
von Torsten Graf und Norbert Paulsen
Am 21. September 2000 ist der Online-Broker Systracom mit großen Ambitionen gestartet. Eine neue Ära des Internet-Brokerage wollten die Berliner einläuten. Hauptwettbewerbselement war die damals wie auch heute unschlagbare Flat Fee von 9,95 Euro, die zugleich auch in den Mittelpunkt einer gigantischen Werbekampagne gestellt wurde. Bis Ende 2001 sollen monatlich 150.000 bis 250.000 Kundentransaktionen erreicht werden, mit denen nach Aussage des Vorstandsvorsitzenden Klaus-Peter Möritz gegenüber gelon.de das Erreichen der Gewinnschwelle verbunden wäre. In der Zeit vom Markteintritt bis Ende Dezember 2000 wickelte der Hauptstadtbroker eigenen Angaben zufolge aber gerade einmal 70.000 Transaktionen ab. Rein rechnerisch wären dies rund 23.000 Transaktionen pro Monat.
Dieses Resultat wurde freilich in einem sehr schwachen Börsenumfeld erzielt, wie Systracom betont. Dennoch bleibt bis zur Zielerfüllung eine erhebliche Lücke. Noch ist es sicherlich verfrüht, von Planverfehlung zu sprechen. Fakt dürfte jedoch sein, dass es weiteren erheblichen Anstrengungen und hohen Marketingaufwandes bedarf, um die Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Die Erklärungen des Vorstands im Hinblick auf die außerordentliche Hauptversammlung vom morgigen 22. Februar stützen diese Vermutung. Immerhin soll ein genehmigtes Kapital beschlossen werden, das für die Deckung der laufenden Kosten "einschließlich der erheblichen Aufwendungen für Werbung" vorgesehen ist.
Auch die weiteren Aussichten sind nicht eben rosig. Die einbrechenden Kurse an den internationalen New Markets haben die Euphorie der Anleger entsprechend gedämpft. Die daraus resultierende Zurückhaltung wirkt sich seit geraumer Zeit in der gesamten Branche aus. Selbst die Etablierten haben ihre Wachstumsziele im vierten Quartal 2000 weitgehend revidieren müssen. Und im bisherigen Verlauf des ersten Quartals 2001 blieb die Stimmung an den Märkten unvermindert angespannt. Dies hat zur Folge, dass sich der Wettbewerb unter den Online-Brokern weiter verschärft. Im Klartext heißt dies, die Branche bewegt sich immer weiter auf die Flat Fee und damit das Hauptargument von Systracom zu. Zugleich ist damit natürlich weiterer Druck auf die Margen verbunden, den ein Newcomer wie Systracom sicherlich schlechter verkraften kann als die etablierte Konkurrenz. Die jetzigen Aktionäre der Systracom Bank AG werden also voraussichtlich noch einige Male in die Tasche greifen müssen, denn angesichts der jüngsten Baisse auch bei den börsennotierten Brokern scheint der anvisierte Börsengang erst einmal in weite Ferne gerückt zu sein.
Grund zur Verwunderung ergibt sich aus dem zweiten Tagesordnungspunkt der anstehenden Hauptversammlung. Der Vorstand schlägt darin vor, den drei Aufsichtsratmitgliedern eine geradezu utopisch hohe Vergütung von 225.000 DM zu bewilligen - das sind im Durchschnitt 75.000 DM. Bei ConSors erhält ein Aufsichtsrat durchschnittlich 12.500 DM, bei comdirect rund 14.300 DM. Angesichts dieser (bei Systracom) vergleichsweise immens hohen Beträge drängen sich dem Beobachter Fragen auf, zu denen Systracom erst nach der Hauptversammlung Stellung beziehen will.
Einer der Mitglieder im Systracom-Aufsichtsrat ist im Übrigen Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Die DSW wird sich in der Hauptversammlungssaison dieses Jahres angesichts der üppigen Vergütung ihres Chefs bei Systracom möglicherweise um einiges schwerer tun, argumentativ für die Rechte der Aktionäre einzutreten - wie es sich die DSW auf die Fahnen geschrieben hat. Denn eines scheint sicher, in seiner eigentlichen Funktion als Aktionärsschützer würde Hocker einem solchen Vergütungsvorschlag wohl kaum zustimmen können.
Aus Sicht der Kunden, die nicht immer mit den Leistungen von Systracom zufrieden sind, wäre es wohl sinnvoller, einen Teil der Aufsichtsratsvergütung in die technische Ausstattung zu investieren. Was Systracom braucht, um seine Ziele zu erreichen, sind nicht zufriedene Aufsichtsräte, sondern zufriedene Kunden, die ihren Broker begeistert weiter empfehlen.
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