Archiv-News 08.01.2001
Die Renaissance der Aktie ist unvermeidlich
Von Norbert Paulsen, Daniil Wagner und Torsten Graf
In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Abkehr der Deutschen von den Klassikern Sparbuch und Sparkonto fortgesetzt. In den neun Monaten per September 2000 hat sich das Gesamtvolumen der Spareinlagen auf 1.137 Mrd. DM nach 1.225 Mrd. DM Ende 1999 verringert; das bedeutet einen Mittelabfluss von rund 88 Mrd. DM. Dies geht aus Untersuchungen des Bundesverbandes deutscher Banken hervor. Der Verband sieht die Ursache für diesen Mittelabfluss neben dem seit Jahren niedrigen Zinsniveau in der wachsenden Attraktivität von Konkurrenzprodukten wie Aktienfonds.
Eine weitere Ursache dürfte aber auch in der Zunahme der direkten Investitionen in Aktien liegen. Allein die 133 Neuemissionen am Neuen Markt haben im Jahr 2000 ein Kapital von etwas mehr als 25 Mrd. DM gebunden; einen bedeutenden Teil dürften deutsche Anleger gezeichnet haben. Darüber hinaus wurden etliche Sparer von Großemissionen wie Infineon oder der Deutschen Telekom (dritte Tranche der Privatisierung) an die Börse gelockt.
Die Stimmung hinsichtlich der Risikoanlage am Neuen Markt und in der Folge der Aktienanlage im Allgemeinen hat sich inzwischen allerdings gewandelt. Die Kursexplosion bis zum Frühjahr 2000 hatte zu einer Euphorie geführt, die jegliches Risikobewusstsein der Anleger nahezu völlig verdrängt hatte. Der Kurssturz seit April 2000 hat viele aus ihren Träumen gerissen und hart auf den Boden der Tatsachen aufschlagen lassen. Zahlreiche Investments am Neuen Markt waren Anfang 2001 nur noch „Peanuts“ wert. Intershop und EM.TV, zwei ehemalige Lieblinge von Analysten und Wirtschaftspresse, sind prominente Negativbeispiele, die das Vertrauen in die New Economy tief erschüttert haben.
Eine Abkehr der Deutschen von der Börse erscheint dennoch unwahrscheinlich. Die Umschichtung vom Sparbuch in höher verzinsliche, risikoreichere Anlageformen wird weitergehen, und Aktien werden dabei auch künftig eine wichtige Rolle spielen. Eine treibende Kraft für eine schnelle Renaissance der Aktienanlage wird zum einen die heiß diskutierte und immer wieder proklamierte private Altersvorsorge sein. Auf lange Sicht gehören Aktien nämlich aus Renditesicht nach wie vor zum Besten, was der Kapitalmarkt zu bieten hat - diese Tatsache wird früher oder später bei der Anlageentscheidung wieder verstärkt zum Tragen kommen. Zum anderen ist zu berücksichtigen, dass die Erbengeneration ihr Geld eher risikofreudiger anlegt als ihre Eltern und Großeltern, und hier hat die Mittelverschiebung erst begonnen. Darüber hinaus sitzen die großen institutionellen Anleger auf einer Menge Geld, dass eher über kurz als über lang dem Aktienmarkt zugute kommen wird.
Überdies könnten die jüngsten, bitteren Erfahrungen einen wichtigen positiven Effekt nach sich ziehen. Die bis dato erfolgsverwöhnten Anleger sind professioneller geworden. Mittlerweile weiß jeder, dass himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt an der Börse sehr eng beieinander liegen. Damit stehen die Chancen nicht schlecht, dass sich bereits im Laufe dieses Jahres eine an den fundamentalen Daten ausgerichtete, realistischere und damit gesündere Kursbildung herausbildet - übertrieben war sowohl das Kurshoch vom März 2000 als auch die derzeitige Korrektur. Der Neue Markt hat gute Chancen, erwachsen zu werden.
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